Reduktion des Materials als Mittel zur Kreativitätsförderung


Ein Schlüssel zur Kreativität ist die Reduktion.

Damit sich Neugierde und Staunen, Lust und Sinnlichkeit, Engagement und Phantasie am Gegenstand entzünden können, müssen wir Kindern Raum, Zeit und Zugriffsweisen anbieten, die die Intensivierung der Wahrnehmung ermöglichen. In unserer reizüberfluteten digitalen Welt bietet die Reduktion von Material hier eine Chance. Anders, als in vielen Situationen des Kunstunterrichtes, in denen gerade eine große Vielfalt an Material und sinnlichen Eindrücken den Schaffensprozess anregen, bemühen sich die hier dargestellten Einheiten um eine andere Herangehensweise. In einer ausgeprägten Reduktion des verfügbaren Materials soll eine Konzentration der Wahrnehmung erreicht werden die kreative Prozesse initiiert und fördert.


Strohhalm, Stocher, Styropor

1 Styroporplatte, Strohhalme, Zahnstocher, Streichhölzer, Kaffee-rührstäbe, Schere, evtl.Deckfarben

Klasse 5, 1 Doppelstunde

Ich persönlich liebe diese künstlerischen Übungen mit eingeschränktem Material. Mit ganz wenig zu arbeiten, fordert die Kreativität und den Einfallsreichtum des  Einzelnen extrem heraus. Es geht darum, mit dem was angeboten wird zu improvisieren, neue Wege zu gehen und zu experimentieren. Die verschiedenen Ergebnisse zeigen, was alles möglich ist

und dies in nur einer Doppelstunde!  

Die Aufgabenstellung ist vollkommen offen gehalten, nur die Platte aus  Styropor darf nicht zerbrochen werden.

Ich hasse Styroporkrümel, sorry!

  • Die Klasse wird in Gruppen aufgeteilt.
  • Die Gruppen erhalten unterschiedliche Materialien: Strohhalme und Zahnstocher, Streichhölzer oder  Rührstäbe (Kaffee)  und eine Styroporplatte (s.o.)!
  • Der Arbeitsauftrag: Baut mit den zur Verfügung stehenden Materialien auf der Styroporplatte. Es dürfen keine weiteren Hilfsmittel außer einer Schere verwendet werden. Kleber oder Draht sind  nicht erlaubt.
  • Die Materialien werden von den Schüler*innen experimentell erkundet.
  • Erste Steck-und Legeproben werden gemacht. Was hält, was fällt um?
  • Ideen werden entwickelt und verworfen.
  • Die Gruppe einigt sich auf ein "Thema"und/oder eine Technik und setzt diese um.
  • Am Ende der Stunde werden die entstandenen Objekte vorgestellt und besprochen und die Schwierigkeit der Aufgabenstellung diskutiert.

Bilder aus dem Unterrichtsprozess:

Fertige Skulpturen:


Schwarz auf Weiß

Klasse 5c, 1 Doppelstunde, 4 Gruppen

Bierdeckel (viereckig und rund),  schwarze Farbe, evtl schwarzes tape ect.

Die eiserne Hütte der Baba Jaga
Die eiserne Hütte der Baba Jaga

Arbeitsauftrag:

  • Baut eine Skulptur aus den Bierdeckeln
  • Benutzt zum Bauen nur die Bierdeckel und ein weiteres Hilfsmittel.
  • Kleben mit der Klebepistole oder einem Klebestift ist als Hilfsmittel nicht erlaubt!
  • Denkt an das Thema der Einheit: Schwarz auf Weiß!!

Am Anfang ist die Verwirrung groß! Die Kinder spielen mit den Bierdeckeln. Sie werden gelegt und gestapelt, aber das Ergebnis befriedigt keinen. Die Türme kippen um, sie sehen  nicht nach einer Skulptur aus, die sich die Schüler*innen größer und interessanter vorstellen. Das Thema: Schwarz auf Weiß wird  auch nicht erfüllt.

Manche Schüler*innen fragen nach schwarzer Deckfarbe und beginnen mit dem Bemalen der Bierdeckel. Über Farbe und Form der Deckel entsteht die Idee "Weltall" und die Skulptur "Kollision im Weltall". Eine weitere Gruppe hat sich für die Darstellung von (Fantasie-)Tieren in Anlehnung an ein Zebra entschieden,  als Hilfsmittel wählen sie ebenfalls eine Schere und verbinden die Bierdeckel mit Hilfe von Steckschlitzen(...? und seine Freunde

Bei den beiden anderen Gruppen steht die Überlegung welches Hilfsmittel sich zum Bauen eignet, im Vordergrund. Zahnstocher und Schaschlikspieße werden verworfen, da das Bemalen mit schwarzer Farbe zu mühselig erscheint.

Eine Gruppe entscheidet sich für schwarzen Blumendraht, verschiedene Wickelungen werden ausprobiert, aber eine erkennbare Skulptur kommt nach Auffassung der Kinder nicht zustande.

Ich bitte sie, alle ihre Versuche einfach übereinander zu stapeln, die Figur gewinnt an Höhe , wird in Form gebogen, wirkt interessant und geheimnisvoll, ein Anfang ist gemacht und die Skulptur  Baba Jagas Blechbüchse" steht am Ende fest auf dem Tisch.

Eine andere Gruppe bittet um schwarzes Klebeband. Die runden Bierdeckel stellen eine besondere Herausforderung dar.  Mit Hilfe des Tapes werden Würfel angefertigt und gestapelt. Am Ende entsteht die Skulptur "Die Treppe zum Mond".

Diese Doppelstunde war eine wunderbare Übung zum fantasievollen plastischen Gestalten.

Vier voneinander vollkommen unterschiedliche Ergebnisse zeigen den Einfallsreichtum der Kinder.

Eine wichtige Erfahrung für alle: Planlosigkeit zulassen, sie aushalten und  erkennen,  dass  Ideen sich oft erst im künstlerischen Prozess entwickeln.

Diese Doppelstunde ist der Abschluss der Einheit zum Thema Schwarz auf Weiß!


Türme aus Karton

Klasse 1-3

Karton und schere

1Doppelstunde

Nachdem jedes Kind eine große Pappe erhalten hat, lautet der Auftrag, daraus -nur mithilfe der Schere- einen stabilen Turm zu bauen! Dabei darf die Pappe in mehrere Teile zerschnitten werden.

Die Stabilität des Turmes wird in  einem besonderen Testverfahren überprüft:  Ich gehe -wie der böse Wolf in der Geschichte von den drei kleinen  Schweinchen-  herum und puste ! Was für allgemeine Spannung und Freude sorgt, so dass mir bald der Atem ausgeht ;)!

Das Bauen kann in Einzel-, Partner- oder Gruppenarbeit erfolgen.

Ich lasse  die Schüler*innen 10 Minuten frei experimentieren, dann unterbreche ich die Arbeit für eine kurze Zwischenbesprechung, in der sich die Kinder über ihre verschiedenen Techniken austauschen  und sich Tipps von ihren Mitschüler*innen abholen!

In jeder Klasse findet sich mindestens eine Gruppe, die das Steckprinzip (Einschnitte in den Pappen) anwendet und bald zeigt sich hier der Vorteil beim Bauen, die Türme  sind am Stabilsten (wenn man für ein gutes Fundament gesorgt hat) und man kann sehr hoch bauen, so wird das erfolgreiche Steckprinzip sehr schnell von den anderen Gruppen kopiert.

Am Ende der Stunde präsentieren alle Schüler*innen ihre Türme und erläutern ihre Bauweise.

Mancher Turm wurde zum Schluss bemalt und in eine Skulptur verwandelt, nicht immer entstand ein "echter" Turm, aber  immer ein  sehenswertes Bauwerk! 


Spaghetti-Türme

Klasse 1-3, 1 Doppelstunde

Material: Hartweizennudeln (ca. 5 Packungen pro Klasse), Knete

Die Unterrichtsreihe " Türme" wird in dieser Stunde fortgesetzt!

Die Kinder dürfen allein, in Zweiergruppen, maximal Dreiergruppen arbeiten.

Jede Gruppe erhält eine halbe Packung Spaghetti und Knete.

Aus diesem Material sollen die Kinder Türme bauen. Diese Aufgabe erweist sich als weitaus schwieriger, als das Bauen von Türmen aus Karton. Die Spaghetti zerbrechen sehr leicht!

Mit der Knete werden die Spaghetti am Boden befestigt und miteinander verbunden.

Nach einer experimentellen Phase von ca. 10 Minuten tauschen wir unsere Erfahrungen aus:

  • Mehrere Spaghetti, mit Knete verbunden, sind viel stabiler zum Bauen
  • die Knete hat ein Eigengewicht, man muss aufpassen, dass durch dieses Gewicht das Bauwerk nicht einstürzt
  • auf Pappe gebaute Türme halten nicht so gut, da die Knete auf dem Karton nicht haftet, die Tischplatte bietet eine bessere Haftung
  • ein Turm , der nach oben schmaler wird, ist einfacher zu bauen und hält besser
  • baue ich den Turm wie ein Gerüst in die Höhe, brauche ich Mittel- und Seitenstreben für die Stabilität

Trotz der schwierigen Aufgabe lassen sich die Schüler*innen nicht entmutigen und fangen, auch wenn ihr Turm mehrfach einstürzt, immer wieder neu an. Die Aufgabe, einen  (hohen) Turm zu bauen, ist eine echte Herausforderung, aber unabhängig von der Altersstufe  zu bewältigen. Die Erstklässler zeigen sich in ihrem Ideenreichtum und ihren Einfällen  genauso pfiffig, wie die Zweit-und Drittklässler. Jeder bewältigt die Aufgabe auf seine individuelle Weise. Konzentration und motorisches Geschick ist bei allen gefragt.

Am Ende werden die fotografierten Türme abgebaut, einen Transport nach Hause würden diese fragilen Bauwerke leider nicht überstehen!


Türme aus Zeitungspapier

Klasse 1-3, 1 Doppelstunde

Zeitungspapier, Malerkrepp-Klebeband

Auch in der dritten Doppelstunde bauen wir Türme, denn die Motivation der Schüler*innen ist ungebrochen.

Diesmal wird die Klasse in drei altersgemischte Gruppen aufgeteilt. Dabei müssen die Schüler*innen kommunizieren, miteinander kooperieren, aufeinander Rücksicht nehmen, sich absprechen und einigen, das ist nicht immer einfach!

Die Türme sollen  aus einzelnen Zeitungsblättern und Klebeband gebaut werden. Nach einer kurzen Experimentierphase findet, wie immer, eine Zwischenbesprechung statt. Die Resultate sind für die Kinder unbefriedigend, alle Falt- und Rollvarianten bieten nicht genügend Stabilität für den Turmbau. Gemeinsam überlegen wir  Verbesserungsvorschläge, am Ende zeige ich den Schüler*innen ,wie man das doppelte Zeitungsblatt in der Mitte faltet und dann ganz eng zusammenrollen muss (am besten über Eck anfangen), um die größtmögliche Stabilität zu erreichen. Nun werden in jeder Gruppe zahlreiche "Stäbe" produziert und es wird mit dem Bau des Turmes  begonnen. Die Herausforderung besteht darin, einen sehr  hohen Turm zu bauen!

Zum Ende der Stunde merken alle, wie wichtig jedes einzelne Gruppenmitglied ist. Als der Countdown der letzten Minuten läuft,  hat die Aufregung alle erfasst und hektisch werden Versuche unternommen, den Turm noch ein wenig höher zu bauen! Der einen Gruppe gehen dabei die Zeitungs"stäbe" aus und es muss in Windeseile nachgerollt werden. Da ist jede Hand gefragt! Nur gemeinsam ist man erfolgreich, das ist die Erkenntnis dieser Stunde!

Und nicht nur der höchste Turm hat gewonnen, es gibt auch einen Gewinner  für die stabilste Konstruktion und das ausgefallenste Design. Eine "Medaille" für tolle Gruppenarbeit haben sich sowieso alle verdient!!!

Die ganze Unterrichtseinheit zum Thema " TÜRME" findet ihr unter Klasse 1-3, 2017-2019